"Chronisches Fatigue-Syndrom" von A. Kupferschmitt und V. Köllner
Eine Rezension
26.9.2026 | Autor: Waldmeer
1. Einleitung
Der Text "Chronisches Fatigue-Syndrom" ist ein eigenständiger Beitrag in der 2026 erschienenen 10. Auflage des Bandes "Verhaltenstherapiemanual – Erwachsene", herausgegeben im Springer-Wissenschaftsverlag. Autor*innen des Beitrags sind Alexa Kupferschmitt, Psychologin, und Volker Köllner, Facharzt für Psychosomatische Medizin.
Kupferschmitt und Köllner geben zunächst einen knappen Überblick über Symptomatik, Diagnostik und Epidemiologie der Krankheit, die sie im Titel "Chronisches Fatigue-Syndrom" nennen und die im wissenschaftlichen Sprachgebrauch in der Regel als "ME/CFS" bezeichnet wird. Im Hauptteil beschäftigen sich die Autor*innen mit psychischen Gesichtspunkten, die in ihren Augen im Zusammenhang mit dieser Krankheit eine Rolle spielen. Sie geben mögliche Ziele einer verhaltenstherapeutisch orientierten Behandlung an und entwerfen Komponenten eines Behandlungsplans. Dabei listen sie auch potenzielle Schwierigkeiten auf. Abschließend benennen Kupferschmitt und Köllner andere Behandlungsformen und sprechen kurz die wissenschaftliche Evidenz zur Verhaltenstherapie an.
Der Beitrag von Kupferschmitt und Köllner ist fehlerhaft und problematisch. Er überzeugt weder in seiner Darstellung des Krankheitsbilds noch mit Blick auf die vorgeschlagenen Behandlungsansätze. Die vorliegende Rezension geht zuerst auf ungeeignete und fehlende Belege ein, liefert dann fortlaufende Anmerkungen entlang der Abfolge von Kupferschmitts und Köllners Beitrag und kritisiert schließlich weitere übergreifende Aspekte. Seitenangaben beziehen sich, wenn nicht anders ausgewiesen, auf den rezensierten Beitrag.
2. Ungeeignete und fehlende Belege
Kupferschmitts und Köllners Beitrag ist durchgängig schwach bis sehr schwach belegt. Von den nur 14 Quellen im Literaturverzeichnis bezieht sich die Hälfte auf Long/Post COVID. Zwar gibt es Überschneidungen von Long/Post COVID mit ME/CFS, aber Forschungsergebnisse können nicht einfach zwischen den Krankheitsentitäten übertragen werden, weil die Diagnosekriterien – u.a. mit Blick auf die post-exertionelle Malaise (PEM) – abweichen und Proband*innenkollektive sich dementsprechend unterscheiden. Long-/Post-COVID-Quellen sind daher in einem Beitrag, der sich ausdrücklich mit ME/CFS beschäftigt, ohne diesbezügliche Einordnung weitgehend unbrauchbar.
Viele Sachaussagen des Beitrags – auch solche, die keineswegs selbsterklärend sind – werden überdies gänzlich ohne Quellenangabe getroffen. Hierzu zählen z.B. Behauptungen über die Erfüllung von "Kriterien einer hypochondrischen Erkrankung" (S. 568) und über das Vorliegen eines "dysfunktionale[n]" (S. 568) Krankheitsverhalten mit "selbstschädigendem Schon- und Vermeidungsverhalten" (ebd.).
Auch postulierte Ursache- und Wirkungsverhältnisse bleiben oft unbelegt, etwa die Behauptung, dass Patient*innen "aus Angst" (S. 571) "übermäßig" (ebd.) ihre Aktivität "reduzieren" (ebd.), was zu einer "sekundären Immobilisierung" (ebd.) führen könne. Weder für das Vorhandensein der Emotion ("Angst"), noch für deren Ursächlichkeit für das Verhalten ("aus Angst"; Hervorhebung nicht im Original), noch für die Ausgestaltung dieses Verhaltens ("reduzieren"), noch für den angeführten Maßstab ("übermäßig"), noch für die aus Emotion und Verhalten resultierende Folge ("sekundäre Immobilisierung") werden Quellen oder Begründungen genannt. Die gesamte Kausalkette ist damit spekulativ.
Weitere Beispiele für ungeeignete und fehlende Quellen werden in den folgenden Abschnitten dieser Rezension diskutiert.
3. Fortlaufende Anmerkungen
3.1 Fehlerhafter Anfang
Im ersten Satz ihres Beitrags behaupten Kupferschmitt und Köllner: "Das Chronic-Fatigue-Syndrom (CFS) wird auch als myalgische Enzephalomyelitis (ME), chronisches Müdigkeits- oder Erschöpfungssyndrom, als Systemic Exertion Intolerance Disease (SEID), Neurasthenie (ICD-10 F48.0) oder somatoforme Störung (ICD-10 F45) oder Fibromyalgie bezeichnet." (S. 567) Diese Behauptung ist offensichtlich falsch. Bei Neurasthenie, somatoformen Störungen und Fibromyalgie handelt es sich um andere, zum Teil obsolete Krankheitsbilder mit abweichenden Symptomen, Diagnosekriterien und Behandlungsansätzen. Die Begriffe unterscheiden sich, weil sich die bezeichneten Phänomene unterscheiden.
Begründungsbedürftig wäre zudem die Verwendung der Bezeichnung "Chronisches Fatigue-Syndrom" in Titel und Text. Als Alleinbezeichnung stammt der Begriff "Chronisches Fatigue-Syndrom" aus den 1980er Jahren (Holmes et al. 1988) und ist mit dem damaligen – veralteten – Verständnis des Krankheitsbildes verbunden. Die heute de facto wissenschaftlich übliche Bezeichnung lautet "ME/CFS". Es wird nicht ersichtlich, warum die Autor*innen von diesem Sprachgebrauch abweichen.
Kritikwürdig ist außerdem die unkommentierte Wiedergabe der Begriffe "Müdigkeits-" und "Erschöpfungssyndrom". Diese Begriffe waren ungenaue, an der Alltagssprache orientierte und nicht-medizinische Übersetzungen der überholten Bezeichnung "chronic fatigue syndrome". In der Wissenschaft sind "Müdigkeits-" und "Erschöpfungssyndrom" unüblich. Weder beschreiben sie die Symptomatik zutreffend, noch werden sie Schwere der Krankheit gerecht.
Betroffenenorganisationen lehnen "Müdigkeits-" und "Erschöpfungssyndrom" ab (Österreichische Gesellschaft für ME/CFS 2026a) und stufen diese Begriffe u.a. als stigmatisierend ein (Deutsche Gesellschaft für ME/CFS 2022). Dies sollte in einem Fachbeitrag entsprechend eingeordnet werden.
3.2 Ätiologie
Die Aussage, dass "für die mit ME/CFS verbundenen ätiologischen Konzepte [...] bisher empirische Belege" (S. 567) fehlten, wird ohne Erläuterung dem Forschungsstand nicht gerecht. Zwar ist es zutreffend, dass zu ME/CFS keine einheitliche, umfassend belegte Ätiologie vorliegt. Die von den Autor*innen genutzte Formulierung übergeht jedoch, dass mehrere Theorien zu Entstehung und Pathomechanismen durchaus von empirischen Belegen gestützt werden. Die Forschungsliteratur hierzu ist umfangreich, und die darin enthaltene Evidenz muss berücksichtigt werden (siehe z.B. Arron et al. 2024). Über die Auslöser im engeren Sinne – in Abgrenzung zur Pathogenese – ist sogar sicheres Wissen vorhanden: in den meisten Fällen beginnt ME/CFS infolge von akuten viralen Infektionskrankheiten. Das ist keine Hypothese, die noch zu belegen wäre, sondern ein schlichter Fakt.
Der Hinweis von Kupferschmitt und Köllner auf fehlende Belege verwundert an dieser Stelle auch deshalb, weil ihr eigener Beitrag auf einer schmalen empirischen Basis operiert, sie also nach außen einen strengeren Maßstab anlegen als für sich selbst.
Auch jenseits des vorliegenden Beitrags sind psychologisch-psychosomatische Deutungen und Erklärungen von ME/CFS empirisch schwach unterfüttert und reduzieren sich meist auf die Postulierung plausibel klingender Zusammenhänge mit geringer oder keiner Evidenz für den konkreten Krankheitskontext. Für psychologisch-psychosomatische Ätiologien zu ME/CFS, die über "psychische Ursachen" spekulieren, gilt dies ohnehin. Aber es betrifft auch psychologisch-psychosomatische Hypothesen zu Krankheitsverlauf und -aufrechterhaltung. Die Empirie hierfür steht aus.
3.3 Symptomatik
Auf der ersten Seite ihren Beitrags (S. 567) erwähnen Kupferschmitt und Köllner die Kanadischen Konsenskriterien, geben aber dann die ME/CFS ausmachenden Symptome fehlerhaft wieder. So gehören Schmerzen nach den Kanadischen Konsenskriterien zu den regelhaften Symptomen von ME/CFS und nicht zu den zusätzlichen (Carruthers 2003: 11). Auch darüber hinaus weicht die Darstellung der Autor*innen von den Kanadischen Konsenskriterien und ebenfalls von den vereinfachten IOM-Kriterien ab. Z.B. ist eine "[c]hronische, nicht erholsame Müdigkeit" [sic] (S. 567) nach keiner Definition Teil von ME/CFS. Die Autor*innen geben damit auch die von ihnen angeführte Quelle (Renz-Polster/Scheibenbogen 2022) inkorrekt wieder.
3.4 Biomarker
Die Behauptung von Köllner und Kupferschmitt, es gebe "keine [...] richtungsweisenden Biomarker" (S. 567), ist so nicht zutreffend. Zwar sind in der klinischen Praxis keine Tests verbreitet, die ME/CFS mit einem einfach verfügbaren Laborbefund o.ä. "objektivieren" würden. Sehr wohl existieren aber in der Wissenschaft Verfahren, die zusammengenommen zumindest ernstzunehmende Hinweise auf ME/CFS liefern würden, etwa die Nanoneedle-Technik und die Raman-Spektroskopie. Die mittels dieser Verfahren detektierten Biomarker sind also in der Tat diagnostisch "richtungsweisend" (siehe z.B. Clarke et al. 2025).
3.5 "[K]ämpferisch-vorwürfliche Note"
In Bezug auf die Eigenschaften der Erkrankten schreiben Kupferschmitt und Köllner – wiederum ohne Belege – von einer "kämpferisch-vorwürfliche[n] Note gegenüber Behandlern" (S. 568). Die Autor*innen attestieren, dass diese ein "auffälliges Kennzeichen mancher Fatiguepatienten" (ebd.) sei. Während diese "Note" damit als Persönlichkeitsmerkmal in den Raum gestellt wird, wird mit keinem Wort thematisiert, welche Rahmenbedingungen Anlass dazu geben könnten, dass ME/CFS-Patient*innen sich mit dem Vorgehen von Behandler*innen kritisch auseinandersetzen.
Nach einer jahrzehntelangen Vernachlässigung und einem strukturell falschen Umgang mit ME/CFS sowie aufgrund einer bis heute völlig unzureichenden Verankerung dieser Erkrankung im Gesundheitssystem (Habermannn-Horstmeier 2025: 256; Hoffmann et al. 2024: 113; ebd.: 117-118) ist eine Skepsis der Patient*innen gegenüber der professionellen Medizin und Behandler*innen mehr als verständlich. Ebenso nachvollziehbar ist es, wenn Patient*innen sich für eine der Symptomatik angemessene Diagnostik einsetzen, und ja, für Verbesserungen "kämpfen". Angesichts des Versagens der "Selbstverwaltung" des Gesundheitssystems, die bis heute keine der Problemdimension nahekommende ME/CFS-Versorgung hervorgebracht hat, ist dies sogar unerlässlich.
3.6 Epidemiologie
Für die epidemiologischen Daten (S. 568) führen die Autor*innen keine Quellen an. Gerade weil epidemiologische Daten bei ME/CFS je nach zugrundegelegten Diagnosekriterien, Methodik der Erhebung usw. erheblich voneinander abweichen, wäre in der Darstellung ein transparentes Vorgehen erforderlich.
3.7 Pacing und "Aktivierung"
Als äußerst problematisch ist es einzustufen, dass Kupferschmitt und Köllner Pacing als Methode einführen, die auf eine Steigerung von Aktivität angelegt sei (S. 568). Dies ist unzutreffend und irreführend. Pacing impliziert eine Anpassung der Aktivität an die Energieressourcen, hat aber keine Steigerung zum Ziel, sondern Stabilisierung (Deutsche Gesellschaft für ME/CFS 2026a). Die Autor*innen legen für ihre Verwendung von "Pacing" keine Quelle als Bezugspunkt vor und versäumen es, ihre Auslegung des Begriffs in Abgrenzung zu dessen üblicher Bedeutung zu begründen.
Mit der von den Autor*innen vorgenommenen Umdeutung von Pacing hängt zusammen, dass sie "Aktivierung" als plausibles Mittel der Behandlung von ME/CFS beschreiben. Als ersten Behandlungsansatz nennen sie "[v]orsichtig aktivierende Strategien im Sinne von Pacing mit langsamem Verhaltensaufbau und werteorientierter [sic] Verhaltensaktivierung" (S. 568). Auch im weiteren Verlauf des Beitrags weisen Kupferschmitt und Köllner "Aktivierung" und einer Steigerung von Aktivität einen zentralen Stellenwert zu (S. 569, 570, 571).
Zwar stellen Kupferschmitt und Köllner den von ihnen skizzierten Ansatz mit Hinweisen wie "wenn möglich" (S. 570) unter einen Vorbehalt und suchen sich mit Qualifikationen wie "behutsam" (ebd.) von starren Aufbauprogrammen abzugrenzen – aber ihre Hervorhebung von "Aktivierung" widerspricht dennoch deutlich etablierten Empfehlungen zu ME/CFS.
Der Standpunkt von Betroffenenorganisationen und ME/CFS-Expert*innen ist klar: sie raten eindringlich von "Aktivierung" ab (Deutsche Gesellschaft für ME/CFS 2026b; Fatigatio 2026; Hoffmann et al. 2024: 113; Österreichische Gesellschaft für ME/CFS 2026b). Dieser Konsens beruht auf dem krankheitsspezifischen Mechanismus der PEM und den krankheitsprogressionsfördernden Erfahrungen Betroffener mit "Aktivierung" (siehe z.B. Eckey et al. 2025: 4). Die Krankheitslogik von ME/CFS verträgt sich nicht mit der überkommenen Steigerungslogik der Medizin.
3.8 Anteil hausgebundener Patient*innen
Köllner und Kupferschmitt geben – ohne Quelle – an, dass den Erkrankten in "extremen Fällen" (S. 568) der Besuch einer Praxis nicht möglich sei. Dies ist eine Fehleinschätzung in Bezug auf die Verteilung der Schweregrade von ME/CFS. In der ME/CFS-Forschung wird der Anteil hausgebundener Patient*innen oft mit ca. 25 % beziffert (siehe z.B. Hoffmann et al. 2024: 112). Es ist klar, dass der genaue Anteil je nach Stichprobe variiert. Aber ebenso klar ist, dass Hausgebundenheit keinen Extremfall darstellt, sondern Teil der ME/CFS-Normalität ist.
3.9 "Avoidance/Endurance"
Bei der "Erfassung der Krankheitsverarbeitung" (S. 569) verweisen Kupferschmitt und Köllner auf das Konzept "Avoidance/Endurance" (ebd.). Dementsprechend halten sie in der Eingangdiagnostik die Fragen für zentral, ob Patient*innen "zur Selbstüberforderung oder zur ängstlichen Vermeidung" (S. 570) neigen und ob therapeutisch "Ermutigung oder Entschleunigung sinnvoll" (ebd.) sei. Die Autor*innen konstruieren damit ein dichotomisierendes Schema, das den Krankheitsverlauf eng an das individuelle Verhalten knüpft und dieses in die eine oder andere Richtung als dysfunktional kennzeichnet.
Kupferschmitt und Köllner lassen es unbegründet, inwiefern ein solches aus der Fremdperspektive konstruiertes Schema bei ME/CFS eine treffende Kategorisierung von Einstellungen und Motiven beinhaltet, mutmaßlich darauf beruhende Verhaltensmuster korrekt abbildet und etwaige Rückwirkungen solcher Verhaltensmuster auf den Krankheitsverlauf richtig zuordnet. Zudem bleibt offen, wie ein auf Dysfunktionalität zugespitztes Schema dem breiten Spektrum adäquater Verhaltensweisen gerecht werden soll. Eine Quelle, die belegt, dass das "Avoidance/Endurance"-Konzept für ME/CFS validiert ist, geben die Autor*innen ebenfalls nicht an.
3.10 Komorbiditäten
Kupferschmitt und Köllner nennen drei Komorbiditäten: Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsreaktionen. Sie behaupten, dass diese "je nach Setting bei bis zu 70 % der Betroffenen!" (S. 570) auftreten würden. Mit einem Ausrufezeichen verleihen sie dieser Angabe zusätzlichen Nachdruck.
Zunächst wäre die Auswahl der gelisteten Komorbiditäten, die alle dem psychischen Bereich zuzuordnen sind, zu begründen. Wichtige Komorbiditäten von ME/CFS aus dem körperlichen Bereich erwähnen die Autor*innen demgegenüber nicht. Dies ist selektiv. Der Fakt, dass der Beitrag Teil eines Psychotherapie-Manuals ist, ist hierfür relevant, erklärt die von den Autor*innen getroffene Auswahl aber nicht vollständig. Auch für Psychotherapeut*innen ist eine Kenntnis von körperlichen Komorbiditäten unverzichtbar, um ME/CFS zu verstehen. Sie sollten daher zumindest genannt werden. Die Prämissen, unter denen eine etwaige Psychotherapie durchgeführt wird, bleiben sonst unvollständig.
Ferner legen Kupferschmitt und Köllner für den genannten Anteil von "bis zu 70 %" keine Quelle vor. Valide wären an dieser Stelle Studien oder Reviews, die sich auf ME/CFS beziehen, und z.B. nicht auf Post COVID in speziellen Reha-Settings. Bis dahin bleibt die Aussage unfundiert.
3.11 Psychologisierung
Kupferschmitt und Köllner warnen davor, ME/CFS zu "psychologisier[en]" (S. 571) – wenn auch nur mit dem Argument, dass dies in praktischer Hinsicht kontraproduktiv sei. Eine Psychologisierung könne bei den Patient*innen "zu schweren Kränkungen führen" (ebd.) und "Vertrauen in Psychotherapie nachhaltig erschüttern" (ebd.). Es irritiert vor dem Hintergrund dieser Ablehnung erheblich, dass die Autor*innen selbst im ersten Satz ihres Beitrags ME/CFS mit zwei psychischen bzw. psychosomatischen Erkrankungen begrifflich gleichsetzen ("Neurasthenie" und "somatoforme Störung", siehe Abschnitt 3.1 in dieser Rezension) und in ihrem Beitrag psychische Aspekte durchgängig in den Vordergrund stellen, ohne diese analytisch klar von ME/CFS zu trennen.
Darüber hinaus ist festzustellen, dass Kupferschmitts und Köllners Ablehnung von Psychologisierung nur von begrenzter Reichweite ist. Sie sprechen sich lediglich dagegen aus, dass Therapeut*innen ME/CFS als "rein psychogenes Krankheitsbild" (S. 571) darstellen. Von ihrer Ablehnung nicht erfasst sind hingegen die bei ME/CFS häufigen Formen sekundärer Psychologisierung. Hierbei wird die Krankheit nicht auf die Psyche reduziert, aber psychischen Faktoren wird z.B. mit Blick auf Chronifizierung und Verlauf eine entscheidende Rolle zugeschrieben (Schomerus et al. 2026: 264).
3.12 Behandlungsfehler
Kupferschmitt und Köllner weisen korrekt darauf hin, dass "[p]ostvirale Fatigue [...] unabhängig von Corona in der Medizin seit langem bekannt" (S. 568) ist. Postvirale Syndrome traten z.B.infolge mehrerer Epidemien auf (Miller et al. 2026: 13), und das spezifische Syndrom "ME" wurde seit den 1950er Jahren beschrieben (Institue of Medicine 2015: 28). Auch das Symptom PEM, das in Bezug auf "Aktivierung" von entscheidender Bedeutung ist, ist keineswegs neu oder erst im Zusammenhang mit Post COVID aufgetreten. Sogar eine ältere Definition von "CFS" nennt PEM bereits (Fukuda 1994). Vor dem Hintergrund dieses Wissens stellt sich umso drängender die Frage, warum, wie die Autor*innen zu Protokoll geben, "zumindest in den ersten Jahren bei der Post-COVID-Reha" (S. 571) überlastende aktivierende Konzepte "zu einer Verschlechterung mit längerfristiger Zunahme der Symptomatik führ[t]en" (ebd.). Dies bezeichnen die Autor*innen als "Fehler" (ebd.).
Der Schluss liegt nahe, dass das prinzipiell vorhandene Wissen über postvirale Fatigue, ME/CFS und PEM in den Versorgungsbereichen, die mit diesen Erkrankten befasst waren, sehr unzureichend rezipiert und angewendet wurde. Auch die Hinweise Betroffener, die auf die Versorgungs- und Behandlungsmissstände bei postviralen Erkrankungen (Habermannn-Horstmeier 2025: 256; Hoffmann et al. 2024: 113; ebd.: 117-118) aufmerksam machten, wurden offenbar nicht ernstgenommen – mit nachteiligen gesundheitlichen Folgen (siehe z.B. Habermannn-Horstmeier/Horstmeier 2024: 6-7; Hammer et al. 2024). Die ernüchternden Ergebnisse eines ME/CFS -Reha-Projekts (Kedor et al. 2026) deuten nicht darauf hin, dass die Schwierigkeit von Versorgungseinrichtungen, sich auf die Anforderungen dieser Krankheit einzustellen, als behoben gelten kann.
Angesichts dieses historischen Verlaufs – das Wissen war da, Betroffene teilten dieses Wissen mit, aber Versorgungseinrichtungen handelten dennoch falsch – erscheint es als unangebracht, den Erkrankten wie bereits zitiert eine "kämpferisch-vorwürfliche Note" (S. 568) vorzuhalten. Ihr kritisches Engagement sollte stattdessen als Impuls verstanden werden, eine mangelhafte Versorgungssituation zu verbessern. Den Hinweisen Betroffener auf Risiken in der Behandlung von ME/CFS sollte künftig ein deutlich höheres Gewicht beigemessen werden.
3.13 Selbstbeobachtung
Kupferschmitt und Köllner stellen die These auf, dass eine "intensive Selbstbeobachtung" (S. 571) der Erkrankten eine "kognitive Fixierung auf Symptome und Erschöpfung fördern" (ebd.) könne. Dem ist erstens zu entgegnen, dass diese unterstellte Kausalität zunächst zu belegen wäre – mit ME/CFS-bezogenen Quellen. Zweitens ist anzumerken, dass eine "intensive Selbstbeobachtung" eine Voraussetzung für das ausmacht, was die Autor*innen auf der Seite davor ihrerseits als Element eines Behandlungsplans ausweisen: den "Aufbau eines individuellen Frühwarnsystems für drohende Zustandsverschlechterung" (S. 570). PEM ist nie sicher zu verhindern. Wenn es eine Chance dafür gibt, dann besteht diese jedoch in genauer, reflektierender Selbstbeobachtung symptomatischer Verläufe und der Beachtung daraus gewonnener Erfahrungswerte. Eine solche Introspektion ist somit nicht pathologisch, sondern bringt notwendiges Wissen hervor.
3.14 Hoffnung
Zur Bedeutung von Hoffnung referenzieren Kupferschmitt und Köllner (S. 571) eine Studie (Bakken et al. 2024), bei der der Verein "Recovery Norway" als formaler Partner agierte, u.a. bei der Rekrutierung der Studienteilnehmer*innen. Die ohnehin sehr kleine Stichprobe (n=14) ist dadurch verzerrt. "Recovery Norway" bewirbt den "Lightning Process", eine unfundierte kommerzielle "Heilungs"-Methode. Die NICE-Leitlinie zu ME/CFS untersagt Behandler*innen die Anwendung des "Lightning Process" ausdrücklich (NICE 2021: 41). "Recovery Norway" ist damit kein seriöser Partner für die Wissenschaft, und eine auf dieser Grundlage beruhende Quelle ist für einen Fachartikel ungeeignet.
Im Kontext ihrer Ausführungen zum Thema Hoffnung nennen Kupferschmitt und Köllner eine zweite Quelle (Miller et al. 2025). Hierbei handelt es sich allerdings um einen subjektiven Meinungsbeitrag und keine Studie mit eigener Evidenz zu diesem Thema, oder um einen Review, der die Evidenz systematisch zusammenträgt. Als Quelle, um die Bedeutung von "Hoffnung" empirisch zu untermauern, ist daher auch dieser Beitrag unpassend.
3.15 Bewegungstherapie
Neben der Verhaltenstherapie stellen Kupferschmitt und Köllner die "Bewegungstherapie" (S. 572) als Methode mit "gute[r] Evidenz" (ebd.) vor. Bewegungstherapie ist sachlich eng mit der den Beitrag durchziehenden Betonung von "Aktivierung" verknüpft. Ebenso schwach wie "Aktivierung" insgesamt belegen die Autor*innen jedoch die Eignung und Wirksamkeit von Bewegungstherapie. Der angeführte Review von Larun et al. (datiert auf 2024) ist in seinem Inhalt – anders als von Köllner und Kupferschmitt angegeben – nicht "aktuell" (S. 572). Er beruht auf Studien bis zum Jahr 2011, die ihre Proband*innen nach veralteten Diagnosekriterien ohne das obligatorische Merkmal PEM rekrutierten, was für diese Therapieform von ausschlaggebender Relevanz ist. Dies trifft auch auf die größte in diesen Review eingeflossenen Studie zu (White et al. 2011). Diese als "PACE Trial" bekannt gewordene Untersuchung war Gegenstand gravierender methodischer Kritik, die die berichteten Ergebnisse grundsätzlich in Zweifel zogen (siehe z.B. Geraghty 2017, Vink 2016 und Wilshire et al. 2018). Alles in allem ist die Quelle Larun et al. daher nicht geeignet, um Bewegungstherapie bei ME/CFS zu legitimieren (siehe auch Waldmeer 2026).
3.16 Wirksamkeit kognitiver Verhaltenstherapie
Hinsichtlich der Wirksamkeit kognitiver Verhaltenstherapie bei ME/CFS berichten Kupferschmitt und Köllner zunächst von "gemischten Ergebnissen" (S. 572), referieren dann aber ausschließlich positive Befunde. Die erste von ihnen genannte Quelle (Kuut et al. 2024) ist eine Meta-Analyse, die jedoch ausschließlich eigene Studien der betreffenden Forschungsgruppe enthält und u.a. aufgrund dieser selbstreferenziellen Auswahl problematisch ist. Die einbezogenen Studien weisen zudem aufgrund ihrer Methodiken ein erhebliches Risiko von Verzerrungen auf (siehe Kuut et al. 2024: 449 sowie den dortigen Anhang). Die beiden anderen von Kupferschmitt und Köllner genannten Quellen befassen sich wiederum mit Post COVID anstelle von ME/CFS.
Die Zusammenfassung der Autor*innen zur Wirksamkeit kognitiver Verhaltenstherapie liefert somit ein unvollständiges Bild. So berichteten etwa in einer großen internationalen Befragung zahlreiche ME/CFS-Kranke auch von negativen und sehr negativen Erfahrungen mit kognitiver Verhaltenstherapie (Angelsen/Schei 2024: 80-82). Die Niederlande, auf die sich Kuut et al. in ihrer positiven Darstellung beziehen, gehörten z.B. in der Studie von Angelsen und Schei bei der Bewertung von kognitiver Verhaltenstherapie zu den am schlechtesten abschneidenden Ländern (Angelsen/Schei 2024: 81-82; ebd.: 208). Derartige Ergebnisse müssen bei der Diskussion dieser Behandlungsform berücksichtigt werden.
4. Weitere übergreifende Aspekte
4.1 Bild der Patient*innen
Auch über die Vorhaltung der "kämpferisch-vorwürfliche[n] Note" hinaus (siehe Abschnitt 3.6 in dieser Rezension) ist zu erörtern, welches Gesamtbild von Patient*innen in Kupferschmitts und Köllners Beitrag entsteht: Die Patient*innen hätten Angst (S. 571, 572) bzw. Angststörungen (S. 569, 570), sie katastrophisierten (S. 570, 571) und seien hypochondrisch (S. 568, 570). Sie schrieben ihre Symptome medial präsenten Krankheitsbildern zu (S. 568). Im Kontakt mit Behandler*innen seien sie aggressiv (S. 572) und reagierten gekränkt (S. 571). Während sie Psychotherapien ablehnten (S. 571), wendeten sie sich unbewiesenen Therapieverfahren zu (S. 572). In der Krankheitsverarbeitung neigten sie zu Selbstüberforderung oder Vermeidung (S. 568, 569, 570), erhöhter Selbstbeobachtung (S. 568) und Fixierung auf ihre Symptome (S. 571). Kurz: ihre Krankheitsverarbeitung sei dysfunktional (S. 568, 570, 571, 572) und selbstschädigend (S. 568).
Infolge all dieser Zuschreibungen – die von Kupferschmitt und Köllner nicht belegt, sondern bloß postuliert werden – liegt das Bild einer stereotypisierten Patient*innengruppe nahe, deren Behandlung "durch eine Vielzahl potenzieller Schwierigkeiten gekennzeichnet" (S. 571) sei. Die Autor*innen ziehen in ihren Äußerungen hingegen nicht in Betracht, dass es sich bei Verhaltensweisen der Patient*innen um vernünftige Reaktionen auf ihre Krankheit und um adäquate Anpassungen an ihre durch ME/CFS radikal veränderte Lebenssituation handeln könnte.
So ist es z.B. nicht Ausdruck pathologischer "Angst", PEM vermeiden zu wollen. Es ist eine begründete Strategie, um weitere Verschlechterungen der Gesundheit möglichst zu verhindern, d.h. verbliebene Handlungsspielräume zu bewahren. Genau das – und nicht Steigerung – ist der Sinn von Pacing. Die intensive Beschäftigung mit den eigenen Symptomen ist bei ME/CFS ebenfalls kein pathologisches Merkmal, sondern aufgrund ihrer Schwere und Vielgestaltigkeit unausweichlich. Dies gilt umso mehr, als das Gesundheitssystem bei der Linderung dieser Symptome kaum eine Hilfestellung bietet.
Im Rahmen einer fortschrittlichen Medizin wäre es statt einer Problematisierung angezeigt, den Wissensschatz und die auf das Krankheitsbild zugeschnittenen Verhaltensstrategien der Patient*innen als Ressource in die systemische Versorgung einfließen zu lassen. Aber diese konstruktive Option denken Kupferschmitt und Köllner nicht einmal an. Die Autor*innen bleiben ganz im Paradigma einer konservativen Medizin verhaftet, in der die Behandler*innen die Betroffenen per "Psychoedukation" (S. 570) über ihre Krankheit informieren und sie über den vermeintlich "richtigen" Umgang damit in Kenntnis setzen. Angesichts der geringen Zahl der auf ME/CFS spezialisierten Behandler*innen ist dies ein Ansatz, der weder für die Gegenwart realistisch ist, noch einen Hebel für die Verbesserung der desolaten Versorgungsgslage in der Zukunft benennt.
4.2 Stellenwert der sozialen Ebene
Konzeptionell und praktisch unterbelichtet bleibt im gesamten Beitrag die soziale Ebene. Zwar erwähnen Kupferschmitt und Köllner "[s]oziale Unterstützung und Umfeldarbeit" (S. 570) als möglichen Teil eines Behandlungsplans, doch dieser Abschnitt beschränkt sich auf drei sehr allgemein gehaltene Stichpunkte. Im Vergleich zur durchgängigen Thematisierung individueller psychischer Aspekte ist dies ein Missverhältnis. Dies ist bedauerlich, spielt doch die soziale Ebene – von der Familie bis zum gesellschaftlichen Kontext – bei ME/CFS mit Blick auf Unterstützung oder Belastung eine ganz wesentliche Rolle (Angelsen/Schei 2024: 7).
Auch die in weiten Teilen negativen Erfahrungen ME/CFS-Betroffener mit dem Gesundheitssystem, mit unzureichender Versorgung generell und mit erheblicher kultureller und institutioneller Stigmatisierung wären Gegenstand einer angemessenen Berücksichtigung der sozialen Ebene (siehe z.B. Habermann-Horstmeier/Horstmeier 2024). Diese für die Krankheitsrealität von ME/CFS sehr prägenden Gesichtspunkte werden von den Autor*innen jedoch weitgehend ausgelassen.
Für die soziale Ebene ebenfalls von Belang ist, dass Kupferschmitt und Köllner an keiner Stelle die Tätigkeit von Selbsthilfegruppen und Betroffenenorganisationen würdigen. Diese sind ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der gesundheitlichen Unterstützung Erkrankter, gerade angesichts fehlender und falscher systemischer Versorgung (Angelsen/Schei 2024: 74-75). Sie sind darüber hinaus wichtige Informationsressourcen, die die gravierenden Wissensdefizite der institutionalisierten Medizin über ME/CFS (Habermann-Horstmeier 2023) zumindest partiell kompensieren. Selbsthilfegruppen und Betroffenenorganisationen gehören daher in einen anwendungsorientierten Übersichtsbeitrag zu dieser Krankheit hinein.
4.3 Rolle der Psychotherapie
Insgesamt bleiben bei Kupferschmitt und Köllner Funktion, Wirkungsweise und Beitrag von Psychotherapie bei ME/CFS konzeptionell unterbestimmt. Es wird nicht klar gezeigt, was Psychotherapie im engeren Sinne – in Abgrenzung zu anderen Formen der Beratung, des Austauschs, des Lernens etc. – bei dieser Krankheit leistet und wie sie dies tut. "[A]ktivierende Strategien" (S. 568) vertragen sich nicht mit ME/CFS, und daher sind auch Psychotherapien zur Initiierung und Durchführung solcher Strategien ungeeignet. Eine "Förderung der Krankheitsakzeptanz" (ebd.) ist sicherlich ein denkbarer Gegenstand, aber eben nichts, was für psychotherapeutische Behandlungen spezifisch wäre.
Diese konzeptionelle Unterbestimmtheit ist umso bedauerlicher, als es gerade bei einer körperlichen Krankheit wie ME/CFS notwendig wäre, den potenziellen Tätigkeitsbereich von Psychotherapie präzise abzustecken. Was Kupferschmitt und Köllner unausgesprochen voraussetzen – dass psychotherapeutische Behandlungen bei ME/CFS einschlägig und angezeigt seien – ergibt sich keineswegs aus der Krankheit als solcher, sondern müsste erst generell plausibilisiert und in Beziehung zu anderen Behandlungsformen herausgearbeitet werden. Es wäre ferner im einzelnen die jeweiligen Patient*innen zu bestimmen.
Indirekt räumen die Autor*innen die konzeptionelle Unterbestimmtheit ihres Ansatzes selbst ein, wenn sie im Abschnitt "Unsicherheit und Frustration bei Behandler:innen" (S. 572) von der "Schwierigkeit" (ebd.) schreiben, "die Erkrankung in ein klassisch verhaltenstherapeutisches Modell zu integrieren" (ebd.). Die Frage, was genau womit behandelt werden soll, wird somit nicht zufriedenstellend beantwortet.
4.4 Formale Gesichtspunkte
Schließlich lässt der Beitrag von Kupferschmitt und Köllner unter formalen Gesichtspunkten zu wünschen übrig. Es fallen uneinheitliche Begriffsverwendungen ("Chronisches Fatigue-Syndrom", "Chronic-Fatigue-Syndrom" [sic], "CFS", "ME/CFS") und Schreibweisen ("Patient:innen", "Patienten", "Behandler:innen", "Behandler") auf. PEM wird ebenfalls uneinheitlich buchstabiert ("Post-Exertional Malaise", "post-exertionelle Malaise"), gleich dreimal als Abkürzung eingeführt sowie mit und ohne Anführungszeichen geschrieben. Fettsetzungen einzelner Ausdrücke im Fließtext erfolgen mitunter beliebig (z.B. "soziale" auf S. 571). Eine zweifach ausschließlich im Fließtext genannte Quelle enthält das URL-Parameter "utm_source=chatgpt.com". In der PDF-Fassung werden Quellenangaben im Fließtext teils verlinkt, teils nicht. Links im Literaturverzeichnis sind teils defekt und teils nicht angegeben. Die dortigen Einträge sind nicht konsistent gestaltet.
5. Fazit
Kupferschmitts und Köllners Beitrag "Chronisches Fatigue-Syndrom" enthält faktische Fehler und weist ungewöhnlich viele formale Mängel auf. Ein durchgängiges Defizit ist, dass Sachaussagen und Aussagen über Ursache- und Wirkungszusammenhänge schwach oder gar nicht belegt und unzureichend begründet werden. Die Aussagen sind oftmals spekulativ, ohne diesen epistemischen Status entsprechend zu kennzeichnen.
Die Autor*innen charakterisieren ME/CFS in einer Weise, die ersichtlich von etablierten medizinischen Darstellungen abweicht (vgl. z.B. Hoffmann et al. 2024 und bereits Institute of Medicine 2015). Diese Abweichung erklärt sich nicht allein aus dem psychotherapeutischen Fokus des Beitrags, sondern betrifft auch das Grundverständnis der Erkrankung – vor allem mit Blick auf die Umdeutung von Pacing und die Rolle von "Aktivierung". Die Autor*innen können sich daher nicht auf einen bestehenden Konsens berufen, sondern müssten ihre abweichende Position erst recht belegen und begründen. Dies erfolgt aber nicht.
Auch vor dem Hintergrund, dass es sich um einen anwendungsorientierten Beitrag handelt, fällt der Mangel an Belegen und Begründungen ins Gewicht. Die Autor*innen setzen implizit eine psychologisch-psychosomatisch geprägte Interpretation von ME/CFS voraus und leiten daraus therapeutische Vorschläge ab. Sie versäumen es jedoch, hierfür zunächst eine konzeptionelle Fundierung – u.a. ein explizites Krankheitsmodell mit definierten Krankheitsmechanismen, an denen die vorgeschlagenen Interventionen ansetzen – herzustellen. Der gesamte theoretische Bezugsrahmen der praktischen Vorschläge bleibt somit vage. Auch empirisch zeigen die Autor*innen nicht hinreichend, dass es sich bei den von ihnen beschriebenen Komponenten für Diagnostik und Behandlung um bewährte Verfahren handelt.
Problematisch sind darüber hinaus mehrere Aussagen über vermeintliche Eigenschaften der Erkrankten. Diese Aussagen bleiben ebenfalls ohne nachvollziehbare empirische Grundlage und beinhalten das Risiko, zu einer Stereotypisierung beizutragen. Ein "Beziehungsaufbau" (S. 569) von Behandler*innen zu den Patient*innen dürfte aufgrund solcher Zuschreibungen erschwert werden.
Insgesamt kann der Beitrag von Kupferschmitt und Köllner weder Behandler*innen noch sonstigen Interessierten als Einstieg oder als vertiefte Quelle über ME/CFS empfohlen werden. Als allgemeiner Überblick über diese Krankheit sind z.B. Habermann-Horstmeier (2025) und Hoffmann et al. (2024) geeignet, die Rolle psychischer Aspekte erörtern Schomerus et al. (2026). Auf mögliche Funktionen von Psychotherapie gehen die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS (2025) und Grande et al. (2023) ein. Weiterführende Informationen bietet das Psychotherapie-Netzwerk ME/CFS (2026).
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Stand 25.9.2026
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