Empfehlung ohne Evidenz

Das "Verhaltenstherapiemanual" bleibt Belege für "Bewegungstherapie" bei ME/CFS schuldig

4.9.2026 | Autor: Waldmeer


Zu Beginn ihres Beitrags in einem "Verhaltenstherapiemanual" stellen Alexa Kupferschmitt und Volker Köllner ME/CFS als Erkrankung mit dem Hauptsymptom post-exertionelle Malaise (PEM) vor. Im weiteren Verlauf des Textes behaupten sie, bei dieser Erkrankung liege "gute Evidenz für störungsspezifische Bewegungstherapie" vor. Diese Behauptung stützen sie auf einen "aktuellen Cochrane-Review", angeblich von "2024". Das Problem: dieser Review ist weder aktuell noch als Beleg geeignet.

Bild 1 – Kupferschmitt und Köllner

Der zitierte Cochrane-Review hat eine lange und unrühmliche Geschichte, deren Details an dieser Stelle nicht von Belang sind. Entscheidend ist: dieser Review und seine Inhalte sind wesentlich älter, als das angegebene Jahr suggeriert. Er umfasst eine Recherche bis 2014 (nicht 2024) und ist daher entgegen Kupferschmitts und Köllners Aussage alles andere als "aktuell". Die neueste in diesem Review ausgewertete empirische Studie datiert von 2011.

Bild 2 – Cochrane-Website

Weiterhin enthält dieser Review Studien, die ihre Teilnehmer*innen nach den Oxford- oder Fukuda-Kriterien rekrutierten. Die Verwendung dieser Kriterien führte dazu, dass alle möglichen "CFS"-Betroffenen in die Studien aufgenommen wurden, auch solche ohne das Hauptsymptom PEM. Damit sind die Daten des Reviews für "Bewegungstherapie" bei ME/CFS – mit PEM – insgesamt unbrauchbar.

Bild 3 – Cochrane-Website

Die größte Studie, die in den Cochrane-Review einfloss und die Schlussfolgerungen dieses Reviews maßgeblich beeinflusste, war der "PACE Trial". Diese Studie wies neben der Problematik der Einschlusskriterien weitere enorme methodische Mängel auf und schrieb dadurch im negativen Sinn Wissenschaftsgeschichte. Der "PACE Trial" ist als seriöse Quelle keinesfalls mehr verwendbar. Einzelheiten dazu sind zum Beispiel auf Wikipedia nachzulesen.

Zusammengefasst: der Cochrane-Review ist weder aktuell, noch stellt er einen validen Beleg für die Wirksamkeit von "Bewegungstherapie" bei ME/CFS dar. Der veraltete Review trägt nicht der Tatsache Rechnung, dass ME/CFS nach den heute gültigen Kriterien – wie von Kupferschmitt und Köllner zu Beginn ihres Textes auch selbst so dargestellt – das Symptom PEM beinhaltet. Die Hauptquelle, mit der Kupferschmitt und Köllner ihre Empfehlung für "Bewegungstherapie" begründen, bricht damit weg. Ihr Beitrag im "Verhaltenstherapiemanual" ist fehlerhaft.



Anhang

Quellen (Stand 4.9.2026)

A. Kupferschmitt / V. Köllner: Chronisches Fatigue-Syndrom

L. Larun et al.: Exercise therapy for chronic fatigue syndrome

D. Tuller et al.: A Letter to Cochrane’s Editor-in-Chief

 

Bildbeschreibungen

Bild 1

Zitat aus dem Beitrag von Kupferschmitt und Köllner: "Neben der Verhaltenstherapie liegt gute Evidenz für störungsspezifische Bewegungstherapie vor. Ein aktueller Cochrane-Review (2024) zeigte eine Überlegenheit von 'Exercise' gegenüber TAU und passiven Therapien."

 

Bild 2

Zitat von der Cochrane-Website: "Editorial note (19 December 2024; amended 31 January 2025; amended 25 March 2025): This Cochrane review was published in 2019 and includes studies from searches up to 9 May 2014. A pilot project for engaging interest holders in the development of an update of this Cochrane review was initiated on 2 October 2019 and has now been discontinued."

 

Bild 3

Zitat von der Cochrane-Website: "Selection criteria. We included randomised controlled trials (RCTs) about adults with a primary diagnosis of CFS, from all diagnostic criteria, who were able to participate in exercise therapy."


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